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Brauchen wir eine neue Bio - Bewegung?
von Irina Unbekannt

Bio überall, wohin man auch schaut.
In den Supermärkten werden die Bio-Regale immer länger. Die Produkte, die das EU-Bio-Siegel tragen, werden immer mehr. Der Preisabstand zu konventionellen Lebensmitteln wird immer geringer. Der Verbraucher freut sich. Die Bio-Branche boomt.
Wirklich?

„Der Bio-Boom geht an den einheimischen Bio-Bauern vorbei“, beklagte auf der Bio-Fachmesse im Februar dieses Jahres der Präsident des deutschen Bauernverbandes Gerd Sonnleitner. Denn die Globalisierung der Märkte hat die Bio-Branche auch in Deutschland längst erreicht.
Riesige, international agierende Lebensmittel-Konzerne haben schon lange erkannt, dass sich mit Bio Geld verdienen lässt, dass es sich lohnt, dort Geld zu investieren. Allerdings sind dabei landwirtschaftliche Betriebe in bäuerlich-handwerklichen, regional verankerten Strukturen hinderlich.
Und vor allem die strengen Verordnungen zur Erzeugung hochwertiger Lebensmittel, die sich deutsche Bio-Anbauverbände wie Demeter, Bioland, Naturland, Gäa u.a. auferlegt haben, passen ganz und gar nicht zur angestrebten Massenproduktion durch die Großkonzerne. Die nämlich brauchen riesige Einkaufsmärkte mit mehreren tausend qm Verkaufsfläche. Sie benötigen gigantische Zwischenlager mit einer reibungslos funktionierenden Logistik. Sie haben nur Interesse an Produkten, die immer zur Verfügung stehen – lückenlos und saisonunabhängig.

Für solche Massenlager sind natürlich die hochwertigen Demeter – Produkte z.B. aus Brodowin völlig ungeeignet. Die Brodowiner Demeter-Bauern können – bei Beibehaltung der Qualität – solch große, das ganze Jahr über gleich bleibende Stückzahlen an Produkten nicht bieten. Die hohen Maßstäbe der Brodowiner (und anderer Hersteller) stehen der saisonal unabhängigen Großproduktion von Bio – Billig – Produkten im Weg.

Masse statt Klasse aus Brüssel

Da musste sich was ändern. Und es hat sich geändert. Die EU-Bio-Verordnung macht’s möglich: Jeder Betrieb darf neben konventioneller auch Bio-Ware produzieren (bei den Anbauverbänden wegen Vermischungs- und Verwechslungsgefahr strengstens verboten). Nun können in riesigen Gewächshausanlagen neben konventionellen auch biologische Tomaten produziert werden. Süßwarenfabriken dürfen neben Riegeln aus minderwertigsten Zutaten nun auch gesunde Bio-Riegel herstellen. Und wenn in Tiermastbetrieben das Bio-Futter für die Bio-Tier-Linie nicht reicht, darf großzügig auch konventionelles Futter verwendet werden. Riesige Schlachtfabriken dürfen nun auch Bio-Tiere schlachten, die vorher natürlich über große Strecken dorthin gekarrt werden müssen.
Die Folge ist, dass die Qualität der Bio-Produkte drastisch sinkt. Inzwischen sind nur noch 40% der in Deutschland verkauften Bio-Ware nach den hohen Maßstäben der Bio-Anbauverbände hergestellt. Der Rest entspricht nur noch den Anforderungen der EU-Bio-Verordnung. Skandale in der Branche, sei es bei Futter, Olivenöl oder Säften, sind die Folge. Man erkennt es aber auch daran, dass echte Korken für den hochwertigen Bio-Wein durch Gummikorken oder Schraubverschlüsse ersetzt werden. Man sieht es an schlappriger Petersilie, die in großen Lagerhallen ewig herumlag, bis sie abgerufen wurde.
Die deutsche Firma „Bergquell-Naturhöfe“ verzichtet entsprechend der EU-Bio-Verordnung auf Spritzmittel und Kunstdünger. Doch es gibt weder Berg noch Quell, dafür aber Maschinen, die in der Stunde tausend 1kg-Säcke Möhren abpacken können und eine Hühnerfarm mit ca. 30 000 Legehennen, die bis zu 100.000.000 (Einhundert-Millionen) Eier pro Jahr für die Supermärkte legen sollen. Da diese morgens tonnenweise Bio-Möhren, Bio-Äpfel und Bio-Fenchel brauchen, und zwar zu jeder Jahreszeit, muss die Ware aus Ägypten, Australien, Argentinien oder Israel rangeschafft werden.
Was hat das alles mit Öko zu tun? Brauchen wir also eine neue Bio-Bewegung?

Qualität hat ihren Preis – aber was ist Qualität?

Schon vor drei Jahren schickte ich einen Artikel zum Thema: „Bio-Premium oder EG-Bio – Verbraucheraufklärung tut Not“ an die Presse, in dem es um die gravierenden Qualitätsunterschiede zwischen den Produkten der Bio-Anbauverbände (Demeter, Bioland, Naturland, Gäa u.a.) und den nach sehr viel niedrigeren Standards produzierten EU-Biosiegel-Produkten ging. Der Kommentar in der Fachpresse war, dass es doch jetzt Leute gäbe, die die Verbraucher ganz durcheinander bringen wollen, anstatt dass alle, egal, ob sie nun für die Qualität der Bio-Anbauverbände oder für das EU-Bio-Siegel sind, richtig zusammenhalten würden.
Vielleicht war es damals für viele noch nicht absehbar, dass die globale Bio-Billig-Ware so stark in den Berliner Markt drücken würde, so dass sie die Existenz der Bio-Bauern in der Region Berlin-Brandenburg gefährdet. Denn diese Bauern können auf Grund ihrer hohen Maßstäbe mit den EU-Bio-Produkten preislich nicht standhalten. Was nützt ihnen die liebevolle Bodenpflege, die Einhaltung der Fruchtfolge, das Einbringen von Pflanzenpräparaten und ausschließlich natürlichen Dünger? Was nützt es ihnen, dass ihre Tiere mehr Platz haben als EU-Bio-Tiere, dass das Futter vom eigenen Hof stammt und nicht zum großen Teil aus konventioneller Produktion zugekauft wird, wie beim EU-Bio? Was nützt es ihnen, dass ihr ganzer Hof ökologisch arbeitet.
Im Stall Öko und auf dem Hof konventionell zu arbeiten ist strengstens verboten, bei EU-Bio aber erlaubt. Gegenwärtig arbeitet die EU an einer weiteren Vereinfachung der Vorschriften für Öko-Lebensmittel, um den freien Warenverkehr in Europa nicht zu behindern. Die Liste der Zutaten, die nicht in Bio-Ware gehören, soll drastisch reduziert werden. Der Gentechnik-Ausschluss wird verworren und nebulös gefasst.
Nur ein kleiner Teil der Verbraucher kennt die Unterschiede in der Qualität zwischen EU -   und Verbands - Bio.  Der größte Teil entscheidet sich demzufolge für  das preiswertere EU-Bio. Es gibt viele Verbraucher,  die für  bessere Qualität mehr zahlen würden, wenn sie wüssten, was die bessere Qualität ist. Eine groß angelegte Vermarktungsstrategie für die Bio-Produkte der Region Berlin – Brandenburg könnte hier Abhilfe schaffen. Diese Vermarktung kann nicht der kleine Bio-Bauer leisten. Er hätte keine Chance gegen die Riesenwerbeetats der Konzerne.

Die Kapazitäten von Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen in Berlin-Brandenburg, von Ernährungsinstituten, Bio-Anbauverbänden, BUND, FÖL u.a. müssten zusammengeführt werden mit dem Ziel, dass der Bio – Bauernstand und damit Arbeitsplätze in der Region erhalten bleiben und die Menschen in Berlin-Brandenburg von der hohen Qualität der Bio-Lebensmittel profitieren können. Einzelne Initiativen von Bio-Höfen, -händlern und Forschung gibt es. Die Frage ist, wer die Sache in die Hand nehmen und koordinieren könnte.
Vielleicht die TU Berlin, die mit ihrem Projekt: „Wohlstand hat viele Gesichter“ eine Bestandsanalyse der Kompetenzen der Bio-Branche in der Region Berlin – Brandenburg vorgelegt hat. Eins halte ich für absolut erforderlich: Der Staat muss im Sinne der gesunden Ernährung  der Bürger mit Gesetzeskraft definieren, was eigentlich ein Lebensmittel ist und als solches verkauft werden darf.
Regionale Kreisläufe für Lebensmittelqualität statt globaler Kreisläufe für Profit!

Irina Unbekannt

Irina Unbekannt hat zwei Ökonomie-Diplome und ist seit 1992 Inhaberin und Geschäftsführerin des Bio-Marktes „ALLERCON-NATURKOST“ in Berlin Pankow.  Für Ihre Kunden und sonstige Interessenten gibt sie in regelmäßigen Abständen ein Informationsblatt heraus. Dieser Text stammt aus „ALLERCON-NEWS“ 6/2006.
Kontakt: Tel.:  030-4746 96 85, E-Mail: allercon@t-online.de
 

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Mit freundlicher Gehnemigung von Irina Unbekannt Allercon–Naturkost
 

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